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Gott spielen


Der Blick aus dem Fenster erinnerte Bart daran, wie er als Kind einmal Gott gespielt hatte. Sein Kumpel Kurt kam immer als Superman, rannte wild umher und rettete ganze Völker. Bart war mit Spiderman zwar nicht weniger heldenhaft, aber irgendwie war er immer kleiner. Einmal, wenigstens einmal, wollte er besser und größer sein. Also war er eines Tages Gott. Er stand auf einem kleinen Hügel, betrachtete seine Schöpfung, hob die Hände, segnete dies und das und ließ Schmetterlinge fliegen. Kurt rannte währenddessen über die Wiese, rettete dabei eine Familie aus einem brennenden Haus und war wohl der eigentliche Grund dafür, dass die Schmetterlinge hochflogen. Eine halbe Stunde später war Bart gelangweilt, seine Arme taten weh und er wollte nie wieder Gott sein.

Gott spielen. Barts Blick wanderte vom Fenster auf den Bildschirm. Der Gedanke setzte sich fest: Gott spielen. Er öffnete ein neues Projekt im Computer und nannte es „GodGame“. Die leere Datei leuchtete ihn an. „Es ward Licht“ schoss es ihm durch den Kopf und er fing an zu programmieren.

Ein halbes Jahr später hatte er auf dem Bildschirm eine Insel mit Pflanzen und verschiedenen Tierarten, die gemütlich über die Insel liefen. Gerade hatte Bart ein neues Update eingespielt und wartete gespannt darauf, dass ein Affe aufrecht stehen konnte. Als er dann einen Affen sah, der sich stehend eine Frucht vom Baum pflückte, fing Bart an zu lächeln. Er öffnete ein neues Unterprojekt und murmelte: „Lasst uns Menschen machen.“

„Was willst du mit GodGame?“, fragte Kurt, der seit einiger Zeit an GodGame mit programmierte.
„Hä?“ Bart war verwundert.
„Na was du mit GodGame erreichen willst?“
„Wolltest du nie allmächtig sein und angebetet werden?“
„Ich frag ja nur“, entgegnete Kurt. „Es kann eine Simulation werden, wo du das Ganze als Gott steuerst. Oder es wird ein richtiges Spiel, wo man als Gott drum kämpft die meisten Gläubigen zu haben. Oder was weiß ich? Deshalb frag ich ja. Ich denke das Programm muss langsam in eine bestimmte Richtung gehen.“
„Simulation“, sagte Bart nur, um das Gespräch zu beenden. Er drehte sich zu seinem Computer und wollte weiter programmieren.
„Mhm.“, Kurt klang nicht, als ob das Gespräch beendet wäre. Nachdenklich bemerkte er: „Du bist dann über Kreaturen allmächtig, die Du selbst programmiert hast. Und die Menschen, die du jetzt machst, beten Dich dann auch nur an, weil sie gar keine andere Wahl haben, oder?“
„Ich ahne, Du hast da eine Idee.“
„Also“, fuhr Kurt fort. „Du hast es doch schon ‚GodGame‘ genannt. Lass doch die Mitspieler als Engel oder Dämon die Menschen beeinflussen, um so Seelen zu sammeln. Wenn Du willst, übernehme ich die eine, und Du die andere Seite. Überleg es Dir!“

Es dauerte noch ein paar Wochen, dann spielte Bart das Update „Mensch“ ein. Die eingebaute künstliche Intelligenz war enorm. Der Mensch konnte entscheiden, was er tut. Er konnte Langeweile, genauso wie Stress empfinden. Durch freie Parameter, die sozusagen vom virtuellen Leben gefüllt wurden, war jeder Mensch einzigartig. Das Sprachsystem war so angelegt, dass sein Mensch erst mal nicht sprechen konnte, aber die Sprache durch Vokabeln, Grammatik und Semantik erweitern konnte.

Kurt hatte in der Zeit Avatare für Engel und Dämonen entwickelt. Wer wollte, konnte seinen Avatar mit einem Passbild persönlich gestalten. Besonders stolz war er darauf, dass man die Transparenz seines Avatars von null bis einhundert Prozent selbst einstellen konnte.
Doch auf die eigentlichen Spielregeln konnten die beiden sich bisher nicht einigen.

"Warum müssen die Menschen sterben?", regte sich Bart auf.
"Bleib doch mal ruhig, ich erkläre es dir ja." Kurt war, wie in den letzten Wochen so oft, kühl und distanziert. "Wenn unsere Spieler, also die Engel und Dämonen, die Menschen zum einen oder anderen überreden, dann muss es doch irgendwie ausgewertet werden. Was wäre besser als das Objekt - den Menschen - aus dem Spiel zu nehmen. Du hast ihn doch so gemacht, dass er Entscheidungen treffen kann. Also kann er doch nach dem dahinscheiden noch diese eine Entscheidung für unsere Wertung machen. Das ist doch perfekt."
"Hörst du dir überhaupt zu?", schrie Bart. Er hatte keine logischen Argumente. Er fühlte sich nur wieder kleiner. Wieso mussten seine Schöpfungen sterben? Warum konnten nicht die Avatare sterben?
„Was ist denn los?“, wunderte sich Kurt.
„Ich will nicht, dass die Menschen sterben.“
„Das ist es? Aber das habe ich dir doch gerade erklärt.“
„Na und? Wieso sterben die Avatare nicht?“
„Die Avatare sind unsere Spieler. Du kannst …“, Kurt überlegte kurz. „Ok. Die Menschen entscheiden selbst, richtig? Das ist nicht einprogrammiert. Sie entscheiden Dinge aufgrund von Erfahrungen und Begegnungen, oder?“
„Ja.“, murmelte Bart.
„Das soll der Mensch das eben selbst entscheiden. Was hältst du davon?“
„Du willst, dass ich einen Apfelbaum ins Paradies stelle?“, fragte Bart.
„Ist es nicht das was du wolltest, Gott spielen?“
Bart starrte Kurt an. Nach einer Weile stand er ohne ein weiteres Wort auf, ging hinaus und Kurt lief ihm nach. Er ging zwei Blocks weiter zum Stadtpark. Dort suchte er etwas, was einem Hügel am ähnlichsten war, lief hinauf und stand einfach nur da.
Ein paar Minuten hielt Kurt das Schweigen aus, dann musste er fragen: „Was machen wir hier?“
„Ich weiß es endlich“, sagte Bart und fing an zu lächeln.
„Was? Was weißt du?“
„Wie man Gott spielt. Ich weiß endlich wie man richtig Gott spielt“. Bart rannte los und lachte. Er rannte um einen Baum herum und hüpfte über die Wiese, wobei etliche Schmetterlinge hochflogen. Er tobte so sehr, dass er stolperte und kichernd im Gras landete. Er schaute in den Himmel, sah ein paar Vögel fliegen und war in diesem Moment einfach glücklich.

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